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Die Zugvögel
06.12.2014
Als es endlich soweit war, dass die beiden ihren Lebensabend im warmen Süden verbringen konnten, da fuhr Lennard von Kiel nach Málaga in nur zwei Tagen, parkte den Wagen direkt vor der Tür, schloss auf, vor sich hinsummend, öffnete in allen Räumen die Fenster, stieß die Läden weit auf, atmete die Stille ein, das Licht, den Duft der Pinien, das Zirpen im Gras, ging zurück vors Haus, öffnete die Beifahrertür, verbeugte sich keck, trug Helene über die Schwelle ins Haus, wie neununddreissig Jahre zuvor, und stellte sie auf den Sims des Zierkamins, die Gravur in Bronze in Blickrichtung aufs Meer.
Die Fundsache
30.11.2014
Eine alte Frau fand auf einem Sitz der Istanbuler Straßenbahn ein Taschenbuch. Sie steckte es ein, und als sie das Abendgebet gesprochen hatte, begann sie zu lesen.
Die meisten Geschichten sagten ihr nichts, an einer ganz kurzen jedoch blieb sie hängen. Sie handelte von einem Japaner und seiner Frau, die in den Flitterwochen nach München flogen, um Schloss Neuschwanstein zu besuchen, dort aber, weil sie kein Wort Deutsch sprachen, das ganze Wochenende am Flughafen verbrachten. Zurück in der Werkhalle von Toyota, erzählte der Mann jedem: „Wir waren in Bayern!“
Am Morgen danach rezitierte sie die Zeilen am Grab ihres Mannes.
Unruhestand
31.10.2014
Hannas Sorge erwies sich als gegenstandslos: Kaum in Rente, trat Jochen dem lokalen Tierschutzverein bei.
Montags, mittwochs und freitags verließ er das Haus gegen drei, und bereits am Mittag freute sie sich auf die Stunden danach: Donna Leon und Konfekt, im Liegestuhl oder Schaumbad. Mochte Jochen verwilderten Hauskatzen eine Falle stellen oder Spendenboxen leeren in Supermärkten, mit herrenlosen Hunden Gassi gehen oder Hasen zu einem neuen Besitzer fahren: Hauptsache, keine Altersdepression.
Nein, am Rockzipfel hänge Jochen nicht, so Hanna, „kein Thema bei uns. Den Ruhestand haben wir im Griff.“
Bis sie in Jochens Brieftasche auf eine Anstecknadel stieß: Bierschutzverein Lämmertskirchen.
Expat
24.10.2014
Vor dem Bushäuschen tigert sie hin und her, vertieft ins Selbstgespräch und ein Notizheft.
„Sind das Hieroglyphen?“
„Koreanische Schriftzeichen.“
Nein, in Korea sei sie nie gewesen. Nein, Koreaner kenne sie keine. Für die EU habe sie gearbeitet, als Übersetzerin, und jetzt … Also lerne sie was, irgendwas. Um unter Leute zu kommen, wegen der grauen Zellen.
Zurück? Wohin zurück, Heimat sei längst Fremde.
Manchmal beobachte sie jene, die noch dazugehörten, auf ihrem Weg zur Arbeit: ihren federnden Gang, die schicken Schuhe, die Handtasche im Griff und das Leben. Erwählt aus Tausenden, die Elite Europas.
Sie schaut einem Zug Kraniche hinterher.
Kabelsalat
25.07.2014
Die Göttin sprach: „Es werde Hirn.“
Und es ward Hirn. Zwei Zellen, Biep! hin, Biep! zurück.
So pfiffig blitzten sie, so lustvoll funkten sie, dass bald eine dritte fiepte. Aus drei wurden sechs, aus sechs — Sie wissen schon.
Seither kabeln sie, freudig erregt, mit allem und jedem, über alles und jeden, Tag und Nacht.
Eines Tages kommt Gott zu Besuch, setzt sich unter die Weltenesche, schaut sich in Ruhe um. Er sieht, dass es gut ist, nickt der Göttin zu: „Hirnzellen, so viele wie Sterne über uns. Gut gemacht, meine Liebe.“
„Unsinn. Vier Milliarden Jahre und nichts als ‚Biep‘!“
